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Interview | Zwischen Buch und Film: Christoph Zachariae über das Schreiben seiner Dystopie „Ödland“

Die Leipziger Buchmesse 2018 läuft. Mittendrin ist Christoph Zachariae, Autor aus Berlin. Er stellt hier den vierten Band seines dystopischen Romans Ödland vor – eine Fantasy-Reihe, die er als Selfpublisher verlegt. Viel Raum erhält dabei seine Community: Er bindet sie in alle Prozesse nach dem Schreiben eng ein. 
Die Romanserie, Bd. 1-3. © Christoph Zachariae, Lucid Dreams
Die ersten drei Bände von Ödland in der Taschenbuchausgabe. © Christoph Zachariae / Lucid Dreams

Wie könnte das Ende der Zivilisation aussehen? Ist das Ende auch ein Neubeginn? Gibt es ein Leben danach? Solche Fragen beschäftigten Menschen zu allen Zeiten. Autoren reagierten früher häufig darauf, indem sie Utopien für eine ideale Gesellschaft und Politik schrieben. Dystopien (griechisch dys = übel, topos = Ort) sind die pessimistische Variante: Menschen in ferner Zukunft sind einer Kraft unterworfen, die ihr Leben immer stärker bestimmt. Beispiel: Der Roman 1984 von George Orwell.

Unterwegs in der Endzeitwelt: das Ödland

Christoph Zachariae, Autor und Filmemacher, schrieb seine Romanserie Ödland inspiriert von Einflüssen aus Film und Literatur. Die Ödland-Welt ist eine postapokalyptische: Stille, Kälte, Weite, dazu knappe Ressourcen. Bewaffnete Söldnerbanden bedrohen die wenigen Überlebenden in verstreuten Enklaven. Unter ihnen ist Mega, 19, ein Findelkind (Ödland Band I: Der Keller). Als Teil einer Zwangsgemeinschaft lebt sie in einem Universitätskeller. Eines Tages bricht sie auf ins Ödland. Sie sucht Teile zur Wasseraufbereitung – und Gewissheit über ihre eigene Geschichte.

Der Autor und Filmemacher im Gespräch über das Schreiben.

 

© Christoph Zachariae
© Christoph Zachariae

Christoph, die Welt ist gerade nicht arm an Krisen. Inspiriert das deine Arbeit? Ist es wichtig, um eine Dystopie wie Ödland schreiben zu können?

Christoph: Kunst und Literatur reagieren auf die vorherrschende Stimmung der Gegenwart. In den 80er-Jahren war es die Angst vor dem Atomkrieg, die zu einer sehr Reihe von postapokalyptischen Romanen und Filmen geführt hat. Mit dem globalen Terror, der ständigen Drohung eines Finanzcrashs, mit der Endlichkeit globaler Ressourcen und vor allem mit der sich öffnenden Schere zwischen Arm und Reich kehrt diese Angst zurück. Interessanterweise manifestiert sich die diffuse Furcht auch in den postapokalyptischen Szenarien neueren Datums. Es sind namenlose undurchschaubare Katastrophen, die die Menschheit ausgelöscht haben.  Ein Mond, der die Umlaufbahn verlassen hat, oder ein globaler EMP-Vorfall unbekannten Ursprungs (Anm.: EMP = elektromagnetischer Puls), der sämtliche Elektrizität lahm gelegt hat. Autoren reagieren auf die Tatsache, dass die Richtung der Bedrohung nicht mehr auszumachen ist.

Ödland Band 1 © Christoph Zachariae
Ödland Band 1 © Christoph Zachariae

Welches war der konkrete Auslöser für deine Buchserie Ödland? Gibt es Vorbilder?

Christoph: Als Jugendlicher haben mich die „Mad Max“-Filme schwer beeindruckt. Damals haben Freunde und ich Videoabende organisiert. Der volljährige Bruder eines Kumpels wurde in die Videothek geschickt, um Filme mit roten Aufklebern auszuleihen. An einem Abend haben wir hintereinander „Aliens“, „Mad Max 2“ und „Evil Dead“ gesehen. Wir sind nachts um zwei in die Schlafsäcke gekrochen, morgens um sechs habe ich es nicht mehr ausgehalten, bin aufgestanden und habe mir „Aliens“ und „Mad Max 2“ noch einmal angesehen. Geprägt wurde ich von den Endzeitfilmen der 80-er Jahre. Auslöser war The Road (Die Straße) von Cormac McCarthy. Schon beim Lesen überlegte ich, ob es sich lohnen könnte, die Kargheit der Sprache mit einer spannenden Geschichte zu kombinieren. Der „Dreißigjährige Krieg“ in einer düsteren Zukunft quasi. Damit war die Grundidee für Ödland geboren.

Band 1. Protagonistin Mega bricht auf ins Ödland. © Christoph Zachariae
Band 1. Protagonistin Mega im Ödland. © Christoph Zachariae

Du hast Film studiert, bist Regisseur und Kameramann. Wie beeinflusst das visuelle Denken dein Schreiben? Gab es immer schon beides für dich?

Christoph: Im Prinzip schon. Zuerst habe ich geschrieben und Fotos gemacht. Das Schreiben hat mir geholfen, meine Gedanken zu strukturieren. Es bildete die Grundlage für die Umsetzung visueller Ideen, die mir das Filmstudium ermöglicht haben. Das Filmstudium wiederum und das Schreiben von Drehbüchern waren hilfreich, um ein Verständnis für die Ökonomie des Schreibens zu bekommen und eine gewisse Verständlichkeit zu erreichen. Dialoge in Filmen sollen z.B. immer nur so lang wie unbedingt nötig sein, kein Wort zu viel. Das lernt man, wenn man eine Geschichte in 90 Minuten erzählen muss. Die Behauptung, man schreibe nur für sich selbst und es sei nicht so wichtig, wenn die Leute einen nicht verstehen, ist eine Ausrede. Ob Drehbuch, Roman oder Blogeintrag: Man schreibt immer für andere und man möchte gern möglichst viele Menschen auf die Reise mitnehmen.

Band 2 © Christoph Zachariae
Band 2 © Christoph Zachariae

Ich stelle mir die Handlung der ÖDLAND-Romane gern als Film vor. Wie ein Regisseur überlege ich mir, was ich brauche, wenn ich Kapitel anlege. Die Figuren sind z.B. seit Wochen unterwegs und konnten sich zwischendurch nicht richtig waschen. Dann stelle ich mir die Frage: Stimmt die Maske? Hat sie Anschluss in späteren Kapiteln? In einem anderen Kapitel hat die Heldin ihre Pistole dabei, während sie ihren Dolch versteckt hat, weil er sie verraten würde, aber sie braucht den Dolch später. Wie bekommt sie ihn zurück, ohne dass es zu haarsträubenden Zufällen kommt? Ein wichtiges Gesetz lautet: Der Zufall darf immer nur gegen die Helden spielen, nicht für sie. Solche Gedanken macht man sich beim „Auflösen“ eines Drehbuchs. Ich habe die Herangehensweise für Romane übernommen.

Du veröffentlichst im Selbstverlag. Als E-Publisher beziehst du deine Leser stark in die Entstehung der Ödland-Reihe ein: durch einen Blog, Lektorate, Testlesungen, Abstimmungen über Coverbilder. Warum?

Christoph: Es geht um die Teilnahme an etwas, das man interessant findet. Wenn ich mir Gedanken mache und vielleicht sogar kommentiere, bleibt der Vorgang im Gedächtnis haften. Mit Social Media ist das problemlos möglich. Diese Aktivierung ist natürlich kein Geheimnis. Inzwischen versuchen alle Autoren, Spieleentwickler, Filmemacher ähnliches. Verweigerung führt zu einem Wettbewerbsnachteil, und den kann man sich als unbekannter Autor nicht leisten. Ich versuche, die Balance zu wahren. Wenn die Social Media-Aktivität die Zeit übersteigt, die ich schreibe, dann stimmt etwas nicht.

Hattest Du den Handlungsbogen für deine Bücher von Anfang an im Kopf?

Christoph: Ich habe immer einen ganzen Haufen Ideen für Szenen, für Kapitel für Figuren und ihre Entwicklungen. Doch der erste Schritt ist die Ausarbeitung einer möglichst genauen Storyline. Ich versuche, so genau wie möglich zu sein, denn während des Schreibens ändert sich meistens noch sehr viel. Je mehr man neu schreiben muss, desto zeitintensiver wird die erste Fassung.

Band 3 © Christoph Zachariae
Band 3 © Christoph Zachariae

 Was tust du, um wirklich in deine Welt abzutauchen? Welche Schreibumgebung ist dir wichtig?

Christoph: Ich brauche einen leeren Schreibtisch und ein ruhiges Zimmer, nicht zu hell und nicht zu dunkel.

Mein Arbeitszimmer muss sich, genau wie ich selbst, in einem unvoreingenommenen Dämmerzustand befinden.

Ich schreibe zu festen Zeiten und versuche, selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Man darf sich nicht überfordern, aber man sollte sich auch nicht unterfordern. Man muss die Belastung finden, unter der man optimal arbeiten kann. Stephen King sagt: „Schreibe mit geschlossener Tür, überarbeite mit offener Tür“ (Aus 22 lessons from Stephen King on how to be great writer.) Bei mir ist die Tür immer zu. Sowohl beim Schreiben, als auch beim Überarbeiten. Ich öffne sie erst für Lektorate und Testlesungen.

Wo entsteht Ödland? Auch unterwegs?

Christoph: Wenn ich für Dreharbeiten in irgendwelchen Hotelzimmern sitze, bleibt mir nichts anderes übrig. Aber ich mag das nicht. Ich unterbreche den Schreibprozess nur ungern und arbeite lieber an meinem Schreibtisch.

Wo notierst du Ideen?

Christoph: Meistens kommen mir Ideen zu dem Stoff, an dem ich gerade arbeite. Das ist sehr praktisch, denn die kann ich mir merken, bis ich dann ein paar Stunden später weiterarbeite. Manchmal überkommen mich Idee zu neuen Geschichten. Sind sie stark genug, opfere ich einen Tag, um sie zu notieren und versuche, sie zu einem Konzept auszuarbeiten. Vereinzelte Ideen für Szenen oder Figuren reichen nicht, um daraus etwas Erinnernswertes zu machen. Die Notizen mache ich am Laptop oder direkt am Computer. Hin und wieder notiere ich etwas handschriftlich. Meistens liege ich dann schon im Bett und will den Computer nicht noch mal hochfahren.

Als E-Publisher übernimmst Du alle Arbeiten am Buch selbst: die Postproduktion wie die Arbeit am Buchtrailer oder am Coverbild, Werbung, Buchmesseauftritte, Vertrieb. Wie strukturierst Du das?

Christoph: Das ist eine sehr zeitraubende Arbeit. Am Anfang hat sie mich genervt. Inzwischen kann ich ihr etwas abgewinnen. Es macht Spaß, wenn Pläne funktionieren. Die Poster-Kampagne in der Berliner S-Bahn z.B. habe ich lange Zeit für Wunschdenken gehalten. Aber dann habe ich mich informiert, und Schritt für Schritt wurde die Aktion konkreter. Man braucht Erfahrungswerte und muss seine Kräfte einschätzen können. Ein gerütteltes Mass an Illusionslosigkeit ist ebenfalls hilfreich. Ich arbeite ungern unter Druck. Der Zeitrahmen muss stimmen. Er darf nicht zu sportlich, aber auch nicht zu lasch sein.

© Christoph Zachariae / Simone Geißler
Ein Ödland-Werbeplakat in der Berliner S-Bahn. © Christoph Zachariae / Simone Geißler

Hat der Spaß an diesen Arbeitsschritten auch mit deiner Filmexpertise zu tun?

Christoph: Das ist tatsächlich so. Ich arbeite gern mit Schauspielern und Sprechern zusammen, das macht mir Spass. Es handelt sich meistens um talentierte nette Leute. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Viel Disziplin bestimmt Deinen Alltag. Abgabefristen und das Lektorat bzw. Korrektorat steuerst du selbst. Wie wichtig ist da die Meinung deiner Community?

Christoph: Disziplin ist schon als Freiberufler unerlässlich und wird als Selfpublisher existentiell. So bald Du die Zügel schleifen lässt, dreht der Hengst durch. Von der „Community“ bekomme ich wichtiges Feedback. Mit meinen Lesern kommuniziere ich via facebook und über meinen Blog. Wenn die Mehrheit einen Entwurf ablehnt oder eine Stelle im Buch kritisiert, habe ich etwas falsch gemacht oder falsch kommuniziert. Es ist z.B. kein Problem, ein viertes Buch zu teilen und daraus zwei Bände zu machen, wenn man diesen Schritt rechtzeitig mitteilt. Wenn man Entwicklungen verschweigt und die Leser irgendwann vor vollendete Tatsachen stellt, wird man sich vermutlich Beschwerden anhören müssen. Über ein Cover, an dem die Leser mitgearbeitet und über das sie vielleicht sogar abgestimmt haben, werden die Leser sich seltener beschweren.

Kritiker gibt es immer. An welchem Punkt legst Du fest, dass das Buch vollendet ist?

Christoph: Ab der vierten, fünften Fassung stellt sich bei mir ein gutes Gefühl ein. Ich spüre, dass ich mich dem Ende des Prozesses nähere. Wenn der Text fliesst, man beim Lesen kaum noch stolpert und die Geschichte plötzlich ganz neue Bilder entstehen lässt, ist man auf einem guten Weg.

Band 4 © Christoph Zachariae
Band 4 Ödland © Christoph Zachariae

 Du stellst auf der Leipziger Buchmesse in dieser Woche deine Ödland-Reihe vor, vor allem den neuen Band. Wie wird Dein Programm in Leipzig aussehen?

Christoph: Ich werde in Halle 5 am Stand D316 stehen und hoffe, dass sich Leser in die abgelegene Welt der Selfpublisher verirren und für Ödland interessieren. Ich habe neue Postkarten dabei und zum ersten Mal Poster und Bücher. Am Sonntag, 18. März gibt es von 14:00 bis 14:30 eine Ödland-Lesung. Dafür konnte ich die Hörbuchsprecherin Vanida Karun gewinnen. Sie hat eine tolle Stimme und Erfahrungen aus über hundert Hörbüchern. Ein Vollprofi. Ich bin froh und dankbar, dass Vanida sich dazu bereit erklärt hat, Mega ihre Stimme zu leihen. Im Anschluss gibt es ein Meet & Greet am Stand und die Möglichkeit, signierte Bücher zu Messepreisen zu erwerben.

© Leipziger Buchmesse / Messe Leipzig
© Leipziger Buchmesse / Messe Leipzig

Wie viele Bände wird es von Ödland insgesamt geben?

Christoph: Fünf. Mit Ödland Fünftes Buch Viktoriastadt II wird die Reihe beendet. Eine Rückkehr ins Ödland mit einer neuen Reihe, die z.B. das Schicksal von Megas Sohn beleuchtet, will ich nicht ausschliessen. Aber zunächst werde ich mich anderen Projekten widmen.

Hast du schon mal an eine Verfilmung gedacht?

Christoph: Regelmässig. Ich denke quasi an nichts anderes. Aber die Vision ist nicht besonders realistisch, zumindest nicht mit deutschen Fernsehsendern. Mit Netflix oder Amazon wäre es möglich, aber mit denen will zurzeit jeder arbeiten. Ein Bestseller würde helfen, aber vom Status eines Bestsellers ist Ödland weit entfernt. Es ist nach wie vor ein Geheimtipp. Die meisten Leser sind positiv überrascht, wenn sie sich trauen. Schön wäre eine Verfilmung natürlich. Ich würde Ödland als Fernsehserie anlegen. Eine Staffel mit sechs oder sieben Folgen à 45 bis 50 Minuten. Band I + II könnte man als Pilotstaffel zusammenfassen. Wer weiß, was die Zukunft bringt.

Danke, Christoph. Viel Freude auf der Frankfurter Buchmesse!

Christoph Zachariae, Jahrgang 1972, schrieb im Alter von 12 Jahren seine erste Kurzgeschichte. Von 1993 bis 1996 studiert er Filmwissenschaften und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und realisierte Fotoausstellungen. Aus eigenen Drehbüchern entstandene Kurzfilme liefen auf zahlreichen Festivals. 1996 wechselte er an die Filmakademie Ludwigsburg. Hier schloss er sein Regiestudium ab. Seine Leidenschaft gehört der Fantastik in allen Schattierungen und Genres. Seit 2002 lebt und arbeitet er in Berlin. Hier entstehen u.a. die Hörbücher für die mehrfach preisgekrönte Thriller-Serie Darkside Park.
Christoph Zachariae arbeitet am fünften Band der Ödland-Reihe: Viktoriastadt II erscheint Ende 2018 als E-Book und Taschenbuch.

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