Über die Handschrift © Judith Schallenberg / SZ 10./11.3.18

Zeitgeist | „Das Ende der Tinte“? Warum das Schreiben von Hand für uns so wichtig ist

Immer mehr Menschen verzichten auf Stift und Papier. Zum Glück gibt es Zeitungen, die das stille Sterben einer Kulturerrungenschaft aufgreifen: der des Schreibens. Das heisst natürlich nicht, dass wir uns damit abfinden sollten.

 

Die Zukunft? SZ vom 10./11.3.2018 © Judith Schallenberg
Die Zukunft? SZ vom 10./11.3.2018 © Judith Schallenberg

„Die Handschrift soll Gedanken fliegen lassen“, sagte Cornelia Funke vor knapp vier Jahren in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie schreibe die erste Fassung ihrer Manuskripte stets von Hand, erzählte sie. Unvorstellbar? Wohl ja: Die menschliche Handschrift als kulturtechnische Errungenschaft droht zu verschwinden. Sie tut das relativ still. Der Fortschritt bringt sie an den Rand ihrer Existenz. Immer weniger Schüler, heisst es, schreiben souverän von Hand in verbundener Schreibschrift. Und immer weniger Schulen verlangen ihnen das ab. Die Meinung einer weltbekannten Kinderbuchautorin tut da kaum etwas zur Sache.  Leider. Dabei hat sie Recht.

Das Schreiben bringt uns zu uns selbst

Das Schreiben ist ein Akt der Selbstvergewisserung. Mit ihm gehen wir den Dingen genauer auf den Grund. Wir nehmen uns über den körperlichen Akt des Schreibens sozusagen auch selbst wahr, unseren Händen sei Dank. Verschiedene Studien weisen die motorisch wichtigen Effekte nach. Ebenso lohnt sich ein Blick auf unsere Geschichte des schreibenden Menschen. Die skizzierte im Dezember die Journalistin Katrin Zeug in einem lesenswerten Beitrag auf ZEIT ONLINE.

Vom Wert der Handschrift - © Judith Schallenberg / Ausschnitt SZ 10./11.3.18
Die Süddeutsche Zeitung vom Wochenende 10./11. März 2018 mit Beitrag zur Handschrift © Judith Schallenberg

Am gerade vergangenen Wochenende las ich einen Zeitungsbeitrag zum „Ende der Tinte“ von Katrin Blawat in der Süddeutschen Zeitung (10./11. März). Schöner Titel dazu: „Schreib mal wieder“. Jackie Dove hat hier gerade ein Gegenbeispiel abgegeben. Sie liebt Tinte. Nun dieser Beitrag im „Wissen“-Teil der der SZ, der sich dem Thema ausführlich widmet. Hier leben sie wieder auf, die Handschriften, die wir alle noch gelernt haben. Die meisten Kinder tun es in der Grundschule weiterhin. Dennoch, etwas geht zu Ende. Mich beschleicht Wehmut. Sind wir die letzten unserer Art?

Nicht totzukriegen: meine Freude über die Handschrift

Als Kind beklebte ich begeistert die Rückseiten meiner handgeschriebenen Briefe mit kleinen kuvertförmigen Aufklebern („Schreib mal wieder“), in die man seine Absenderadresse hineinschreiben konnte. Die Sticker verschenkte die Deutsche Post. In punkto Briefe war ich einsame Spitze. Meine Brieffreundschaften hielten Jahre. Ich bin sicher, kaum jemand kennt noch diese spezielle Vorfreude auf die tägliche Post. Denn es gibt Social Media und E-mail. Ich nutze sie selbst und freue mich darüber. Die Freude über einen Brief von Hand aber ersetzen diese Kanäle nicht.

Ich stimme daher vorsorglich gegen den Abgesang. Mir sind viele Freunde des geschriebenen Wortes bekannt. Es gibt überall auf der Welt diese spezielle Zuneigung zu den schönen Dingen, die die Handschrift und das Schreiben voraussetzen. Das stimmt mich weiterhin optimistisch.

 

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