Interview | Mitgefühl als Basis: Michael Tennant, Gründer aus New York, über das Journaling, Notorious BIG und seine Empathie-Bewegung für die USA

Wenn es irgendjemanden gibt, der uns gute Hinweise für den Umgang mit schweren Zeiten geben kann, dann ist es Michael Tennant (36). Der New Yorker weiß gut, warum Mitgefühl uns am besten durchs Leben bringt. 2017 gründete er das Curiosity Lab, eine Marketingagentur mit sozialem Anspruch, und erfand das Kartenspiel Actually Curious. Es bringt Menschen über Emotionen ins Gespräch: durch Fragen zu Zielen, Werten oder Dankbarkeit. 2020 gründete Michael eine Empathie-Bewegung. Mehr dazu hier.

Das Kartendeck „Actually Curious“. Credits: Mary-Beth Wells

Michael, du hast eine eigene Agentur, gibst Empathie-Workshops und bringst Menschen mit einem Kartenspiel zusammen. Wie hilft das in Zeiten der Pandemie?

Michael Tennant: Wir hören aus unserer Community tatsächlich, dass es etwas bringt. Auf dem Hintergrund von COVID-19 und sozialer Distanz ist unser Kartendeck „Actually Curious“ ein sehr interessanter Weg, sich mit Freunden, Familie und Kollegen virtuell zu verbinden – oder auch in der eigenen kleinen sozialen Blase zuhause. Das Spiel bringt uns übrigens auch mit uns selbst in Verbindung. Es erhöht die emotionale Sensibilität, macht widerstandsfähiger und unvoreingenommener. Unsere Empathie-Bewegung ist 2020 und 2021 leider ganz besonders relevant: Die gesellschaftliche Spaltung in den USA ist durch parteipolitischen Eifer und rassistische Traumata größer denn je. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Unser Spiel, Gespräche und Workshops rund um Empathie, die ich gebe, regen zu Diskussionen und proaktivem Engagement an. Es geht darum, die Skills zu stärken, die wir für Heilung und lang anhaltende Verbindungen zueinander brauchen.

Credits: Mary-Beth Wells

In einem Artikel in der New York Times sprichst du über das Journaling, das du praktizierst. Welche Bedeutung hat es für dich?

Michael Tennant: Journaling ist ein wichtiges Element meiner Morgenroutine. Hin und wieder fühlt sich das an wie Hausarbeit, aber meistens ist es für mich die ultimative Art der der Selbstfürsorge.

Ich starte mit einer freien Form des Schreibens. Von Hand schreibe ich eine Seite in meinem Journal voll, und zwar so ungefiltert wie möglich. Zuallererst halte ich links oben auf der Seite das Tagesdatum fest. Manchmal mache ich Pausen, sie können unterschiedlich lang sein. Dann horche ich in mich hinein, lausche auf meinen Körper, ob er mir etwas mitteilen will, das er direkt an meinen Stift senden möchte.

Michael Tennant
Michael im Sommer. Mit Journal. Credits: Michael Tennant

Die Übung verbindet mich mit meiner inneren Stimme. Sie zeigt mir, was mich beschäftigt oder stresst. Danach schreibe ich in einem anderen Journal eine Dreiviertelseite voller Dinge, die ich wertschätze. Ich notiere in Sätzen, wofür ich dankbar bin. Darauf folgen drei bis fünf Ziele und drei bis fünf priorisierte Schritte, wie ich diese Ziele an dem Tag schaffen will. Der gesamte Journaling-Prozess kann zwischen 30 Minuten und einer Stunde dauern. Er gibt mir das Gefühl, Geist und Körper ein spielerisches Geschenk zu machen. Außerdem komme ich so zu einem umsetzbaren Plan, um Wichtiges zu erledigen. Ich glaube fest daran, dass kleine strategische Handlungen zu einem exponentiellen Ergebnis führen – viel mehr als große Schritte, die undurchdacht sind. Diese Routine stärkt den Verstand und das Durchhaltevermögen, bringt Freude und Erfolg.

Credits: Mary-Beth Wells

Auf welchem Papier und mit welchem Stift schreibst du?

Michael Tennant: Ich mag Bullet Journals von Moleskine in der Standardgröße oder im Pocketformat, weil es Moleskine überall in genug Farben gibt, um mich bei Laune zu halten. Ich seh mich ständig um, was es so gibt an neuen To-go-Journals, weil ich so viele von ihnen in Gebrauch habe. Außerdem unterstütze ich gern kleine und unabhängige Unternehmen. Ich genieße es, durch alte Journale zu blättern und die wahnsinnigen Dinge zu lesen, die ich mal produziert hab. In letzter Zeit habe ich mit einem „Le Pen“ der Marke Marvy Uchida in der Stärke 0.5 Punkt geschrieben. Ich liebe sein feines Finish und die schnelle Trocknung, so verschmiert nichts. Nach diesem Stift zu schauen, lohnt sich – als kleine Belohnung fürs Schreiben.

Credits: Mary-Beth Wells

Welches ist deine Lieblingsfrage in deinem Kartenspiel – und deine Antwort?

Oh – mich nach der liebsten Frage in Actually Curious zu fragen, ist wie die Frage an Eltern nach ihrem Lieblingskind. Im Sinne der Verletzlichkeit antworte ich natürlich ehrlich, das hängt von der Tagesform ab!

Im Moment kommt meine Lieblingsfrage aus der Actually Curious Culture Edition: „Wähle fünf Musiker aus der Musikgeschichte, die deine ultimative Supergruppe bilden.“ Meine Antwort:… Notorious BIG als Leadsänger, D’Angelo als back-up-Sänger, für die Gitarrenrhythmen rhythm guitar und so ziemlich überall, wo wir ihn sonst noch gebrauchen können; John Lennon für Gitarre und Gesang, Charley Mingus für den Bass, Quincy Jones am Schlagzeug und für die Produktion des Albums.

Michael Tennant
Credits: Mary-Beth Wells

Deine Pläne für 2021?

Michael Tennant: 2020 haben wir um Actually Curious eine Bewegung in Gang gebracht und dafür ein Bündnis aufgebaut: aus Unternehmen, Nonprofit-Organisationen, inspirierenden Menschen, Influencern und anderen. Sie alle haben sich an unserer Mission beteiligt, Empathie weiterzugeben. 2021 wollen wir das Bekenntnis dazu einen Schritt weiterbringen und dem Begriff „1 Prozent“ eine neue, starke Bedeutung geben. Actually Curious hofft, 1 Prozent der US-Bevölkerung dazu zu bringen, sich zu den Menschenrechten zu bekennen. Noch sind wir früh dran und können so viel wie möglich dafür tun. Unter www.weclaimonepercent.com ist mehr darüber zu erfahren, wie jeder Einzelne helfen kann.

Wir geben es weiter! Alles Gute dafür, Michael!

Credits: Michael Tennant

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