Autoren | Hinter dem Schweigen: Bianca Schaalburgs Graphic Novel „Der Duft der Kiefern“ über ihre Familie in der Nazizeit

Diktaturen zerstören Menschenleben, verstören Überlebende, halten Menschen gewaltsam klein. Generationen überdauert etwa das Schweigen der Mehrheit der Deutschen über die Gräueltaten der Nazis im Zweiten Weltkrieg. „Wir wussten von nichts“, sagten viele, die den Krieg erlebten. Die Künstlerin Bianca Schaalburg widmet ihrer eigenen Familie zur NS-Zeit jetzt eine beeindruckende Graphic Novel.

Ah, oh, seufz, hüstel, kreisch. Comics sind rasant erzählte Geschichten, knapp an Sprache, reich an Witz, schnellen Pointen, bunten Figuren, die dem Leser nicht selten rasch ans Herz wachsen. Ihnen deshalb Tiefgang abzusprechen, wäre allerdings falsch. Das zeigen nicht nur Comics selbst, sondern besonders Comicromane, Graphic Novels. Manchmal sind die Grenzen in diesem Genre fließend. Längst wird hier auch Geschichte bildlich aufbereitet – zum Beispiel die NS-Zeit. Wie wichtig und wertvoll es ist, den Blick nicht nur rein literarisch auf diese Zeit zu legen, zeigt die Graphic Novel Der Duft der Kiefern. Das Buch der Berliner Illustratorin Bianca Schaalburg ist im September 2021 im avant-verlag erschienen.

Bianca Schaalburgs Graphic Novel „Der Duft der Kiefern“. Credits: Bianca Schaalburg/avant-verlag 2021

Ihr Thema ist eines, das – gemeinsam mit vielen Zeitzeugen – mehr und mehr aus unserem Alltag zu verschwinden droht: die Erinnerungen deutscher Bürgerinnen und Bürger in der Zeit des Nationalsozialismus und ihr eigenes Erleben dieser Zeit. Für Bianca Schaalburg wurde diese Frage 2018 wichtiger denn je: Vor dem einstigen Zuhause ihrer Großeltern in Zehlendorf entdeckte sie drei kleine Gedenktafeln aus Messing auf dem Bürgerstein, Stolpersteine. Sie zeugen davon, dass in dem kleinen Reihenhaus bis 1935 drei jüdische Bewohner lebten.

„Meine Familie muss doch gewusst haben, dass hier drei Juden vertrieben wurden“

Das traf die Künstlerin unvermittelt. Sie stellte sich viele Fragen: Was geschah damals wirklich? Wussten ihre Großeltern, dass zuvor drei Juden im Haus gelebt hatten? „Meine Familie muss doch gewusst haben, dass hier drei Juden vertrieben wurden in ein ungewisses Schicksal, als sie selbst einzogen“, überlegte die Autorin. Doch wer in Angst ist, verschließt oft die Augen. Bianca Schaalburg begann stärker denn je zu hinterfragen, was schon ihrer Mutter Edda auf viele drängende Fragen ein Leben lang zur Antwort gegeben worden war: „Hier gab es keine Juden.“

Auszug aus „Der Duft der Kiefern“. Credits: Bianca Schaalburg/avant-verlag 2021

Mit ihrem Sohn Emile widmete sich Bianca Schaalburg einer intensiven Recherche. Was geschah in ihrer Familie? Sie arbeitete sich, beginnend mit dem Geburtsjahr von Biancas Mutter Edda, 1939, vor bis ins Jahr 1968. Es ist das Jahr, in dem Bianca Schaalburg selbst zur Welt kam. Stück für Stück nahmen sie und Emile historische Ereignisse und Aussagen in den Blick, amtliche Dokumente und alte Fotografien zur Familie. Bezogen persönliche Erinnerungen des noch lebenden Onkels der Künstlerin ein. Bianca begann zu zeichnen.

„Auch meine Mutter hatte viele Fragen gestellt, die unbeantwortet blieben“, sagt Bianca Schaalburg. „Das hat mich nicht losgelassen. Ich wollte die 29 Jahre zwischen ihrer Geburt und meiner mit einbeziehen. Die Struktur des Buches habe ich dann im Laufe der Arbeit daran mehrfach umgeworfen.“ Da war so vieles, auf das sie stieß und das ihr mehr verriet. Wichtige Teile dieses Puzzles aber fehlten. Vor allem die Rolle ihres Großvaters Heinrich Schott, im Krieg Buchhalter bei der Wehrmacht, beschäftigte sie sehr.

Als Schaalburg eine alte Fotografie findet, die ihn während des Krieges im lettischen Riga auf einem Pferd zeigt, eine Lagerbaracke im Hintergrund, mehren sich ihre Zweifel an seinen Aufgaben. War er bei der Wehrmacht tatsächlich nur als Buchhalter tätig?

Auszug aus „Der Duft der Kiefern“. Credits: Bianca Schaalburg/avant-verlag 2021

Umgang mit dem Unvorstellbaren: Verdrängen und Schweigen

„Ich wusste anfangs nur wenig über die drei jüdischen Hausbewohner“, sagt Bianca Schaalburg. „Eine von ihnen, Clara Hipp, kam erst in das jüdische Altersheim am Senefelder Platz, dann nach Theresienstadt.“ Der jüdische Kinderarzt der Siedlung, zu der auch Schaalburgs Großmutter mit ihren Kindern ging, hieß Dr. Fritz Demut. „Er konnte zwar 1939 nach Holland emigrieren, geriet aber doch in die Hände der Gestapo und sein Weg führte dann nach Auschwitz.“

Nicht auf alle Fragen findet Bianca Schaalburg Antworten. Wo ihr Informationen fehlen, geht sie sehr sensibel vor: Sie zeichnet zum Beispiel Clara Hipp im Buch als Silhouette: Es gelang ihr nicht, etwas über Hipp herauszufinden, auch nicht ihr Aussehen. Und da sie auch nicht mehr über das Leben der übrigen Juden im Haus ihrer Großeltern in Erfahrung bringen konnte, schrieb sie ihnen fiktive Leben auf den Leib. Es sind mögliche Szenarien, wie es gewesen sein könnte. (Sie haben mich sehr berührt.)

Die Künstlerin weist auch auf Institutionen im Nachkriegsdeutschland wie das „Wiedergutmachungsamt“ hin (1949). Es wurde wenig später in „Entschädigungsbehörde“ umbenannt. Bezeichnungen, die etwas andeuten, das kein Amt je hätte leisten können, doch den Versuch darstellten, etwas zu tun. Ganz so, als sei es wirklich möglich, das Geschehene durch Behörden und Amtshandlungen zu lindern oder gar aufzuheben.

Credits: Bianca Schaalburg/avant-verlag 2021

In ihrer Graphic Novel nimmt Bianca Schaalburg ihre Leserinnen und Lesern nicht nur mit in die Geschichte ihrer Familie. Sie bezieht auch ihre Recherche- und Arbeitsprozesse ein und zeigt sie. Die unterschiedlichen Ebenen der Zeit arbeitet sie im Bild farblich heraus. So können Lesende sie besser unterscheiden.

Farblich unterschieden: Die Gegenwart und die Vergangenheit in Der Duft der Kiefern. Credits: Bianca Schaalburg/avant-verlag 2021

„Es gab fast unglaubliche Begegnungen“ – etwa mit der Künstlerin Bianca Pedrina aus Wien

Die Corona-Pandemie half der Künstlerin beim eigenen Arbeitstempo. „Ich kam schneller voran, als es sonst möglich gewesen wäre, da ich unglaublich viel durchgearbeitet habe“, sagt sie. „Ohne Corona hätte es bistimmt noch ein Jahr länger gedauert.“ Inzwischen ist ihr Buch, das in Polen gedruckt wurde, bereits in der dritten Auflage erschienen. „Das freut mich sehr.“

Die Medien berichteten zahlreich und besprachen das Buch sehr wohlwollend. Auch der Kultursender ARTE stellte Buch und Autorin vor. „Es gab auch darüber fast unglaubliche Begegnungen“, erzählt die Künstlerin. Im Winter 2021 etwa erhielt sie eine Email von der ihr unbekannten Künstlerin Bianca Pedrina. Sie kannten sich nicht. Pedrina hatte eines Tages in ihrem Atelier in Wien gearbeitet, nebenher lief arte. „Plötzlich hörte sie auf arte einen Satz, der sie aufhorchen ließ“, erzählt Bianca Schaalburg. „‚Welche Rolle spielten die eigenen Grosseltern während des Nationalsozialismus? Dieser Frage geht Bianca…‚ – da hielt sie inne“, erzählt Schaalburg. „Als es dann ins Jahr 1942 und nach Riga ging, folgte erneut ein kurzzeitiger Schock.“ 

Der Grund: Auch Bianca Pedrina war gerade auf den Spuren ihrer Familiengeschichte unterwegs, auch in Riga, auch im Jahr 1942. „Nicht zuletzt hieß sie doch selbst Bianca, benannt nach ihrer Großmutter.“ Bianca Pedrina hatte im letzten Lockdown mit dem Versuch begonnen, „endlich das lange Schweigen ihrer eigenen Familie verstehen, um Antworten auf die Frage zu erhalten, was ihrer Wiener Familie nach dem Anschluss Österreichs passiert war“, so Bianca Schaalburg. „Bianca Pedrinas Familie allerdings war jüdisch.“

Auf Spurensuche in Riga

„Der Vater ihrer Großmutter Bianca, Moritz Schick, wurde 1942 nach Riga deportiert. Und dort umgebracht. Im Gegensatz zu meinem Großvater Heinrich, der in Riga als NSDAP-Mitglied und für die Wehrmacht tätig war.“ Bianca Pedrinas Großmutter Bianca Schick konnte in die Schweiz fliehen und überleben, zusammen mit ihrem Bruder Emile.“ Bianca Schaalburg lacht. „Mein großer Sohn, mit dem ich zur Recherche nach Riga reiste, heißt doch auch Emile!“ Im Dezember 2021 trafen sich die beiden Künstlerinnen und lernten sich kennen. „Es war eine wunderbare Begegnung“, sagt Bianca Schaalburg.

Wir sprechen noch über die Bäume, die sie für den Titel ihrer Graphic Novel wählte. Seit der Kindheit begleiten sie die Kiefern mit ihrem unverwechselbaren Duft. Sie sind wie ein Bindeglied in die Berliner Umgebung der Großeltern in Zehlendorf ebenso wie in die Rigaer Wälder, in denen der Großvater zu Kriegszeiten war. Mit ihrem Sohn Emile stieß sie in Lettland, auf den Spuren des Großvaters, im Wald von Bikernieki wieder auf sie.

Kiefern symbolisieren für Bianca Schaalburg Erinnerung und Ruhe zugleich. „Die Beständigkeit der Natur ist etwas, das bleibt und Kraft gibt“, sagt sie. „Vielleicht war das sogar auch der letzte Gedanke der Menschen damals im Wald von Riga.“

Der Schreibtisch der Autorin während der Entstehung ihrer Graphic Novel. Credit: Bianca Schaalburg/avant-verlag 2021

Mitwirken am Frieden – lesen, schauen, den Blick halten

Was bleibt? Mitwirken am Frieden – und lesen, schauen, den Blick halten. Die Kraft, die Kriege verhindert oder beendet und selbst das Schweigen aufbrechen kann, ist die Gemeinschaft: Sie ist es, die Fragen stellt, Antworten findet, sich verbünden kann für das Gute. Die Fassungslosigkeit darüber, dass all das geschehen konnte, endet nicht – und in diesen Tagen wirft uns der Krieg in Osteuropa zurück in eine kriegerische Epoche.

Jeder von uns zählt. Was wir tun oder nicht tun, wird ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte sein. Um Frieden zu erhalten, ist ein Mitwirken, sind Erzählen und Mahnen unabdingbar.

Ich wünsche Bianca Schaalburgs Graphic Novel Der Duft der Kiefern, die mich an vielen Stellen zu Tränen gerührt hat, noch viele Leserinnen und Leser. Ein Wunsch, der erhört werden dürfte: Das Buch wurde einige Tage nach meinem Beitrag hier für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2022 nominiert.

Beitrag im „Tagesspiegel“ zur Graphic Novel Der Duft der Kiefern. Credits: Jules Keichian
Digitalmedien @ Complizenwerk, Schwanthalerstraße 76 RG, DE-80336 München, we@complizenwerk.de

Weitere Informationen:

Die Illustratorin Bianca Schaalburg arbeitet in einer Ateliergemeinschaft in Prenzlauer Berg, dem Atelier Petit 4.

Ihre Graphic Novel ist im Buchhandel und im avant-verlag für 26 Euro erhältlich.

0 Kommentare zu “Autoren | Hinter dem Schweigen: Bianca Schaalburgs Graphic Novel „Der Duft der Kiefern“ über ihre Familie in der Nazizeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.